Die Klinik nach dem zweiten Weltkrieg

Das Stammhaus in der Brunswiker Straße

Natürlich sorgen die Wirren der Nachkriegszeit für reichliche Probleme im Krankenhaus und es kommt noch schlimmer. Anfang Mai 1945 erscheint plötzlich die britische Militärpolizei und holt „Hans“ Lubinus in einer Nacht- und Nebelaktion aus dem Bett und verhaftet ihn. Der Vorwurf: Er war im Krieg als Polizeistandortarzt tätig, also ein Nazi. Der Beweis: Bei der Durchsuchung der Wohnung findet man in seinem Kleiderschrank eine schwarze SS-Uniform. Da helfen keine Beteuerungen: Der militärische Dienstgrad „Oberstabsarzt der Reserve“ ist mit dem Dienstgrad „Obersturmführer“ identisch. Er wird eingesperrt und später nach Neuengamme bei Hamburg verlegt. 

Wie soll es nun ohne den „Chef“ in der Klinik weitergehen? Ein Treuhänder wird eingesetzt, der die Leitung erst einmal übernimmt. 

Aber zurück zur Geschichte: Es dauerte auch nicht lange, bis die britische Besatzungsmacht das Haus der Familie in der Lindenallee 21 beschlagnahmt.  Von heute auf morgen war der Rest der Familie, dazu gehören neben der Ehefrau und Mutter Irmgard, die fünf Kinder und Enkelin Monika, quasi obdachlos. Sie alle ziehen in zwei Dachzimmer der Klinik in der Brunswiker Straße, die mit Schränken provisorisch unterteilt sind. 

Vater „Hans“ sitzt nach wie vor in Neuengamme. Bis zur erhofften Entnazifizierung ist er zum Abwarten verurteilt. Er weiß nicht wie es weitergehen soll und hat große Angst, dass die Früchte jahrzehntelanger medizinischer Arbeit der Familie verloren gehen könnten. Der Mediziner will um jeden Preis zurück nach Kiel, zurück in die Klinik. In ihm keimt eine zündende Idee und schließlich behauptet er, schwer erkrankt zu sein. Seine vorgeschobene Diagnose lautet Darmkrebs. Genau das ist für ihn die Freifahrtkarte in die Kieler Chirurgie zu seinem Freund Professor Wanke. Er wird tatsächlich in der Klinik aufgenommen. Und um die Diagnose glaubhaft zu machen, lässt er sich, man will es kaum glauben, tatsächlich operieren, obwohl es natürlich keinen Tumor gibt. Es findet eine ausgedehnte Bauchoperation statt, ein künstlicher Darmausgang wird gelegt. Der Heilverlauf zieht sich über Monate hin. Natürlich ist der lange Verlauf als Strategie mit dem Professor abgesprochen. „Hans“ Lubinus spielt auf Zeit, wartet in einem Einzelzimmer auf seine Entnazifizierung, um dann regulär aus der Haft entlassen werden zu können. Der Plan geht auf, die Entnazifizierung findet im Mai 1947 statt, im Juli des gleichen Jahres hat er seine Arbeitserlaubnis wieder und übernimmt die Leitung seiner Klinik. Auch diese Geschichte beweist den Wagemut des Chefs der Lubinus Klinik. Entschlossen und furchtlos geht er diesen selbstgefährdenden Weg. Er hat immer ein Ziel vor Augen, für das er kämpfen will. Er sieht sich zu Unrecht beschuldigt und geht aufs Ganze.      

Nach seiner Entlassung widmet er sich sofort dem Wiederaufbau der Klinik. Bewährte ärztliche Mitarbeiter unterstützen ihn und sorgen dafür, dass das Krankenhaus die ersten Nachkriegsjahre glücklich übersteht. Das Wohnhaus der Familie Lubinus in der Lindenallee 21 wird erst 1949 von der Besatzungsmacht wieder freigegeben.

Zwischenzeitlich hat „Hans“ Lubinus ein anderes Grundstück gekauft, um ein neues Wohngebäude zu errichten. In dem Wohnhaus Lindenallee 21 gründet er eine Abteilung für Kinder und Jugendliche. Sein Ziel ist es, dadurch das Stammhaus in der Brunswiker Straße mit seiner begrenzten Bettenkapazität zu entlasten. Schlafanzüge, Gardinen und Bettwäsche werden von den Frauen der Familie Lubinus größtenteils selbst genäht.

Mit der Fertigstellung des Neubaus am Steenbeker Weg wird diese Dependance 1984 aufgelöst. Dazu später mehr.

In die alte Klinik in der Brunswiker Straße wird jetzt massiv investiert und der Umbau wird viele Jahre dauern. Es entstehen ein gemeinsames Treppenhaus, eine Privatstation sowie weitere Personalräume. Die Zahl der Betten seigt in der damaligen Zeit auf 187.

Nicht nur das: Es werden fahrbare Betten angeschafft, die Türen erweitert, Fenster erneuert, Bettenaufzüge installiert, der alte OP durch zwei größere OP-Säle ersetzt, neue Klima-, Heizungs- und Energietechnik eingebaut.

Unter dem Strich sind die meisten Renovierungsarbeiten aber nur Flickwerk. Die moderne Chirurgie stellt Anforderungen, die das Stammhaus in der Brunswiker Straße nicht mehr erfüllen kann.

Bereits bei Kriegsende hat Hans Lubinus erste Pläne für einen Umzug entwickelt, jedoch fehlt nach wie vor ein geeignetes Grundstück.

 

"Hans und Hänschen": Hermann-Georg ("Hans") Lubinus (Mitte) und sein orthopädischer Kollege Hans Schultze-Moskau (links)
"Hans und Hänschen": Hermann-Georg ("Hans") Lubinus (Mitte)
und sein orthopädischer Kollege Hans Schultze-Moskau (links)

Große Popularität verdankt „Hans“ Lubinus aber nicht nur seinem Beruf als Arzt, sondern auch seiner sportlichen Karriere. Seit 1928 nimmt er regelmäßig an großen Segelwettbewerben teil, dreimal an Olympiaden, und ist als Chef des olympischen Segelkomitees für den Bau des Olympiahafens und die organisatorischen Vorbereitungen der Regatten 1936 in Kiel verantwortlich.

Der Segelsport ist mit der Familie Lubinus eng verbunden, auch der spätere Chef des Traditionskrankenhauses Hans Hermann Lubinus qualifiziert sich zweimal für den Admirals Cup. Weitere Lubinus-Ärzte gelten als Weltklassesegler, so dass der Begriff der Sailing Doctors die Runde macht.

1958 tritt Hans-Hermann Lubinus in die Klinik ein und übernimmt zehn Jahre später in dritter Generation die Leitung des Hauses. „Hans“ Lubinus stirbt im Juli 1973.

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